Feminism

Ich, eine Feministin? Oder: Weg mit der Angst vor dem F-Wort.

Feminismus – das hatte für mich lange Zeit etwas Dogmatisches. Dafür sein oder dagegen. Freundin oder Feind. Auch heute fällt mir eine Einordnung oft schwer. Sind Frauen, die sich halbnackt auf Zeitschriftencovern und Werbetafeln abbilden lassen, Opfer einer von männlichen Rollenbildern geprägten Gesellschaft? Oder selbstbewusste Geschäftsfrauen, die ihre Körper clever vermarkten? Sind Frauen, die sich voll und ganz der Kindererziehung widmen, statt eine Karriere im Unternehmen anzustreben, per se weniger feministisch? Und können Frauen heute nicht alles erreichen? Oder ist das die beschränkte Sichtweise eines wohlbehüteten, weißen, Hetero-Mittelstandskindes?

 

Die Sache mit dem leisen Zweifel

Das Gefühl, dass die Dinge noch nicht optimal laufen in puncto Gleichberechtigung war bei mir zwar unterschwellig immer präsent. Aber es wurde stets von meiner persönlichen Lebensrealität überlagert. Von einer, in der der Mann ganz selbstverständlich kocht und putzt, in der ich meinen Traum von der Selbstständigkeit verwirkliche, während mein Partner mir den Rücken freihält und in der ich beruflich bisher fast ausschließlich mit weiblichen Vorgesetzten zu tun hatte. Warum also tiefer eintauchen in feministische Themen?

 

Und dann kam meine Tochter zur Welt.

 

Und mit ihr die Frage, in was für eine Gesellschaft sie da eigentlich hineingeboren ist. Hinzu kamen Zweifel, die das Muttersein so mit sich bringt, wie die, wie es wohl beruflich weitergeht. Und plötzlich, inmitten von Spucktüchern, Windeln und Wäschebergen, fühlte sich auch das mit der Rollenverteilung auf einmal sehr nach 1950 an.

 

Die Sache mit dem lauten Zweifel

Ich fing an Mama-Blogs zu lesen. Nicht die, die der „ein-Pups-ein Post“-Logik folgen, sondern jene, die sich mit Veränderungen auseinandersetzen, die über Schlafmangel und vollgekotzte Sofas hinausgehen. Ich las von Frauen, die mit Bekanntgeben ihrer Schwangerschaft aufs berufliche Abstellgleis geschoben wurden, von alleinerziehenden Frauen, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen und von Beziehungen, die an Zeitmangel und der immer wiederkehrenden Diskussion, wer sich denn nun zulasten von wem selbst verwirklichen darf, zerbrachen. Etwa zur selben Zeit wurde die Frauenquote beschlossen. Die Emotionen kochten hoch – plötzlich waren gut qualifizierte Frauen, die ihren männlichen Kollegen fachlich in nichts nachstehen, nur noch die „Quotenfrauen“. Ich fand das mehr als absurd. Und ich las Laurie Penny.

 

Die Sache mit dem F-Wort

Stück für Stück veränderte sich der Blick auf meine Umwelt. Ich schaute genauer hin und sah mich plötzlich überall mit Botschaften konfrontiert, die, wenn nicht offensichtlich sexistisch, zumindest mit fadem Beigeschmack daherkamen: Supermarkt-Discounter, die mit lasziv in die Kamera guckenden Frauen werben – und bei Höffner darf sich Frau zum Muttertag über ’ne neue Küche freuen. Gleichzeitig wurde ich sensibler für Aussagen, die ich vorher als selbstverständlich hinnahm, wie die, dass ich das angeblich besser könne mit dem Bügeln, dass die Frau da drüben aber einen ganz schön breiten Hintern habe und dass es ja klar sei, dass Maja so schlecht in Mathe wäre – Mädchen halt.

 

Ich treffe einen alten Freund wieder. Weltoffener Großstädter, klug, fortschrittlich. Ich erzähle ihm von der Idee, mich in einem Blog mit feministischen Themen auseinanderzusetzen. Boah nee, Feminismus, bloß nicht, sagt er. Was folgt, sind Sätze, die von Männern handeln, die doch nun schon totale Softies geworden seien, von frustrierten Frauen, die keinen abgekriegt hätten und von Angela Merkel. Plötzlich erscheint mir mein Gegenüber gar nicht mehr so fortschrittlich. Feminismus – ein Hass-Wort? Warum fühlen sich selbst Männer von Feministinnen bedroht, die sonst nichts von eingestaubten Rollenbildern halten und sich selbstbestimmte Partnerinnen auf Augenhöhe an ihrer Seite wünschen? Ist es unterschwellig doch die Angst, dass da jemand an dem bestehenden Machtgefüge rütteln könnte? Denn natürlich ist es leicht zu sagen „Find ich super mit der Gleichberechtigung!“, wenn der eigene Status durch die bestehenden Strukturen nicht ernsthaft zur Disposition steht – im Job wie im Haushalt. Bekommen jene Strukturen jedoch erste kleine Risse (siehe Frauenquote), fängt scheinbar auch das bis dato moderne Weltbild meines Gegenübers verdächtig an zu bröckeln. Es sei ja nun mal nicht abzustreiten, dass Frauen und Männer unterschiedlich seien. Und dass ihr (Frauen) die Kinder bekommt und stillen könnt, dafür könne man ja nun auch nichts. Feminismus – also doch ein aussichtsloser Kampf gegen die Biologie?

 

Die Sache mit der Biologie

Ich denke nicht. Denn dieser Annahme liegt eine Sichtweise zu Grunde, die das Ziel des Feminismus in „Gleichmacherei“ sieht, welche naturgemäß an ihre Grenzen stoßen muss. Doch darum geht es gar nicht. Nicht mir zumindest. Mir geht es um Chancengleichheit und eine gerechte Verteilung von Verantwortung über alle biologischen Gegebenheiten hinweg. Was nicht bedeutet, das Mann- oder Frausein komplett auszublenden. Entscheidend ist, das Geschlecht nicht länger als Projektionsfläche für alle möglichen Formen von Zuschreibungen und Bewertungen zu missbrauchen, was übrigens für Männer und Frauen gleichermaßen gilt. Denn diese führen dazu, dass sich Frauen permanent in ihre vermeintliche Pflicht genommen sehen, wenn es um das Wohl der Familie geht, aber gleichzeitig von verantwortungsvollen Positionen in Unternehmen ferngehalten werden.

 

Die Sache mit den alten neuen Anforderungen

Hier zeigt sich, wie stark vermeintlich veraltete Rollenbilder auch heute noch wirken. Und wie sehr sie die Sozialisation von Mädchen und Frauen nach wie vor prägen. Marie Amrhein hat in diesem Zusammenhang das schlechte Gewissen als „Diesel“ identifiziert, der nicht nur „den weiblichen Motor am Laufen hält“, sondern eine fehlgeleitete Familienpolitik stützt, die sich in unzureichender Kinderbetreuung ebenso widerspiegelt wie in fehlenden Pflegeeinrichtungen für alte und kranke Angehörige. Wo KiTa-Plätze und Fachkräfte fehlen, sind die Frauen gefragt – ungefragt natürlich, unbezahlt natürlich, und Anerkennung für die Familienarbeit dürfen sie auch nicht erwarten. Die gibt’s nur, wenn Frau es schafft, zwischen der Windel für den Junior und der für den Opa an der eigenen Karriere zu feilen und dabei im Idealfall auch noch richtig frisch auszusehen.

Die Anforderungen, die an Frauen gestellt werden, haben sich seit 1950 also im Prinzip nicht wesentlich verändert – Kindererziehung, Haushalt und Pflege von Angehörigen sind nach wie vor weitestgehend ihre Angelegenheiten. Was sich geändert hat, ist, dass es Frauen heute frei steht, sich zusätzlich beruflich zu verwirklichen. So sie denn dafür noch die Kraft haben. Und so richtig frei steht es ihnen auch nur dann, wenn ihr Vorgesetzter einen Führungsstil pflegt, der eben nicht aus den 50ern stammt. Wenn er Freiräume schafft und offen ist für flexible Arbeitsmodelle. Wenn er also bereit ist, Frauen eigenverantwortlich handeln zu lassen und langfristig in seine weiblichen Angestellten zu investieren. Spätestens an diesem Punkt sind viele Frauen dann doch wieder vom „good will“ eines Mannes abhängig. Denn Tatsache ist: 70 Prozent der Führungskräfte sind nach wie vor männlich. Im Top-Management der 200 größten Unternehmen sind es sogar 97 Prozent. Der Großteil davon hat sich zu einer Zeit sozialisiert, als es noch selbstverständlich war, dass der Vater einer Erwerbsarbeit nachgeht, während die Mutter sich um Familie und Haushalt kümmert. Selbst wenn sie heute, ein halbes Jahrhundert später, spüren, dass sich die Zeiten geändert haben, können sie diese Prägung nicht ohne weiteres ablegen. Unter diesen Voraussetzungen kann echte Gleichberechtigung nur schwer funktionieren.

 

Feminismus als Systemkritik

Um diese zu erreichen, braucht es nicht weniger als einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, der dazu führt, dass „Rollen“ und Verantwortung nicht mehr automatisch ans Geschlecht geknüpft werden. Dass dieser nicht von heute auf morgen geschieht, ist klar. Dass dieser sich nicht von allein vollzieht, aber auch. Die weitreichendste Wirkung entfalten wir dabei selbst, indem wir das Zusammenleben in Partnerschaft und Familie neu verhandeln. Gleichzeitig braucht es kritische Stimmen, weibliche wie männliche, die Fehlentwicklungen immer wieder anprangern und Rahmenbedingungen einfordern, die es ermöglichen, das Familien- und Berufsleben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten – angefangen bei der Entscheidung für oder gegen Kinder, über die Wahl des Geburtsortes, die Aufteilung der Elternzeit bis hin zur Entscheidung darüber, wer sich zu welchem Anteil bei der Betreuung von Kindern und Angehörigen einbringt und wie die Partner den Lebensunterhalt bestreiten.

Am Ende des Tages betreffen feministische Themen uns alle – als Mütter und Väter, als Geschwister, Omas und Uropas, als Kinder, als Angestellte und Vorgesetzte. Denn Feminismus ist so viel mehr als der Kampf von Frauen für Frauen. Er umfasst immer auch die kritische Auseinandersetzung mit übergeordneten Systemen – wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen. Daher würde ich mir wünschen, dass auch Männer sich nicht länger vom „F-Wort“ abschrecken lassen und Frauen im Ringen um Chancengleichheit aktiv unterstützen.

 

Und an die Männer, die das noch nicht überzeugt hat: Ryan Gosling hat es auch getan und sich öffentlich als Feminist bezeichnet.

Ganz schön sexy, das. 😉

 

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Katja arbeitet als freie Texterin in Berlin. Sie bloggt, schreibt und lektoriert für Berliner Start-ups ebenso wie für internationale Auftraggeber. Seit der Geburt ihrer Tochter 2014 beschäftigt sie sich intensiv mit den Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Lebensfreundliche Arbeitsmodelle". Ihr zweites Herzensprojekt neben Female Perspectives: juggleHUB - ein Coworking & Event Space mit flexibler Kinderbetreuung, den sie momentan zusammen mit einer Mitgründerin aufbaut.

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