Neue Perspektiven: Mit der Familie in ein neues Land ziehen

©Stephan Becker

Christina, 29, Mutter von zwei Töchtern (5 und 1)

Seit wann bist Du heute auf den Beinen?

Seit 6:30 Uhr – da hat meine jüngere Tochter nach mir gerufen.

Gibt es ein festes Ritual, mit dem du in deinen Tag startest?

Ich brauche jeden Morgen einen Milchkaffee. Ansonsten habe ich kein festes Ritual.

Ihr seid vor Kurzem von Friedrichshafen am Bodensee in Deutschland in die USA gezogen, nach Greenville in South Carolina: Dein Mann, Deine beiden Töchter, die fünf und ein Jahr alt sind, und Du. Wie kam es zu der Entscheidung?

Schon lange hatten wir den Wunsch, mit der Familie für eine Weile ins Ausland zu gehen. Über den Arbeitgeber meines Mannes ergab sich dann die Möglichkeit, nach Greenville zu gehen. Das Angebot haben wir dann angenommen.

Wo hast Du bis zu Eurem Umzug in die USA beziehungsweise bis zu Deiner Elternzeit gearbeitet und was hast Du gemacht?

Ich habe in einem Software-Unternehmen in der internen Kommunikation gearbeitet.

Welche Bedeutung hat Arbeit in deinem Leben?

Arbeit teilt sich für mich in die Arbeit am Arbeitsplatz und die Arbeit zu Hause auf. Arbeit ist wichtig. Sie gibt einem eine Aufgabe, sie gibt einem Ziele vor oder hilft einem, selbst Ziele zu setzen. Und sie bringt einen mit vielen Menschen in Kontakt. Für mich ist es vor allem toll, an meinem Arbeitsplatz mit ganz anderen Aufgaben und Menschen zu tun zu haben, als zu Hause mit den Kindern.

Wie definierst du „Erfolg“?

Wenn man es schafft, seine selbst gesetzten Ziele zu erreichen, ist man erfolgreich. Dazu gehört auch zu erkennen, wenn diese mal angepasst oder neu definiert werden müssen.

Und wie lautet dein Erfolgsrezept?

Mir ist gleich folgender Spruch in den Kopf gekommen: „Ob eine Sache gelingt erfährst du nicht, wenn du darüber nachdenkst, sondern wenn du sie ausprobierst.“ Meist lernt man viel aus dem Ausprobieren dazu, egal ob die Entscheidung, es zu probieren zum direkten Erfolg führt oder zu der Erkenntnis, dass es vielleicht doch ein anderer Weg ist. Ohne es auszuprobieren wird man es aber nicht wissen können.

Ihr seid in die USA gegangen kurz bevor Du nach der Elternzeit in Deinen Job zurückgekehrt wärst. Welche Rolle hat es in Euren Überlegungen und letztlich für die Entscheidung für die USA gespielt, dass Du somit momentan nicht die Möglichkeit hast, in Deinen Job zurückzukehren?

Für mich war es nicht leicht, mich kurz vor Rückkehr in den Job für die USA zu entscheiden. Ich habe mich auf die Rückkehr ins Berufsleben gefreut, für unsere jüngere Tochter hatten wir bereits einen Betreuungsplatz in unserer Wunscheinrichtung. Alles war klar. Es war schwer für mich, diese Sicherheit aufzugeben. Die Entscheidung für oder gegen den Auslandsaufenthalt hing also sehr stark von meiner Entscheidung ab.

Gab es die Möglichkeit, eine Regelung mit Deinem Arbeitgeber zu treffen, zum Beispiel dass Du freigestellt wirst?

Dass mein Arbeitgeber letztlich gesagt hat, ich könne meine Elternzeit auf drei Jahre verlängern und würde zusätzlich für weitere vier Monate freigestellt, damit ich nach unserer Rückkehr aus den USA wieder im Unternehmen einsteigen kann, hat mir sehr bei der Entscheidung für die USA geholfen und ich bin dankbar für dieses Angebot.

Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland momentan eine gewisse gesellschaftliche Erwartungshaltung gibt, dass Frauen nach spätestens einem Jahr bitte in den Job zurückkehren. Hast Du Unverständnis für Eure Entscheidung gespürt oder Verständnis, dass ihr diese Chance nutzt?

Von einer bestimmten Erwartungshaltung, wann man wieder in den Beruf einsteigen sollte, lasse ich mich nicht beeindrucken. Ich finde, das muss jede Familie für sich herausfinden und nach ihren Möglichkeiten entscheiden. In großen Unternehmen ist es schon rein aus Karrieregründen wichtig, Auslandserfahrung zu sammeln. Auch wenn dies für uns nicht im Vordergrund stand, sondern wir das auch für uns machen wollten, ist das Verständnis schon groß gewesen, diesen Schritt zu gehen.

Wie empfindest Du selbst den Aspekt, dass Du jetzt zunächst nicht arbeiten kannst? 

Inzwischen ist es ok für mich. Vor unserer Entscheidung, hierher zu gehen, war das schwieriger. Aber die Arbeit zu Hause fällt ja nicht weg. Im Gegenteil, dadurch, dass mein Mann länger arbeitet, ist zu Hause für mich noch mehr zu tun und die Wege von A nach B nehmen hier auch mehr Zeit in Anspruch. Zudem gibt es hier viele Frauen in der gleichen Situation. Wir sind seit vier Monaten hier, seit zwei Monaten wohnen wir erst in unserem dauerhaften neuen Heim. Es gibt immer noch viel zu organisieren und für mich steht derzeit noch im Vordergrund, dass auch die Kinder erst mal Zeit haben, hier richtig anzukommen.

Gibt es Überlegungen, ob und wie Du die Zeit in den USA beruflich nutzen könntest, wenn auch eure jüngere Tochter größer ist?

Beide Kinder sind in der gleichen Einrichtung betreut, von daher habe ich schon vor, bald zu schauen, wie ich die mir bleibende Zeit gestalte.

Siehst Du berufliche Chancen, die Eure Zeit in den USA auch Dir bringen könnte? Manche nutzen Zeit im Ausland, um sich beruflich noch mal neu zu orientieren. 

Im Moment habe ich viele verschiedene Ideen und ich möchte die Zeit auf jeden Fall auch nutzen, um mich weiterzubilden oder arbeiten zu gehen, ehrenamtlich tätig zu sein oder meiner Leidenschaft zum Schreiben nachzugehen. In welche Richtung ich was machen werde oder ob sich das ein oder andere verbinden lässt, wird sich sicher bald zeigen.

Was bedeutet der Umzug in die USA für Euch als Familie und konkret für Euer alltägliches Familienleben?

Für uns ist es ein tolles Abenteuer, das wir gemeinsam erleben. Fast jeden Tag begegnen uns neue Dinge, Menschen, Orte. Das macht den Alltag spannend. Natürlich sind die Veränderungen zum Teil auch anstrengend und ich denke, dass mein Mann und die Kinder derzeit täglich den meisten neuen Herausforderungen begegnen, die sie irgendwie meistern müssen. Wir haben schnell ganz viele nette Familien kennengelernt, die es einem leicht machen, sich hier schnell wohl zu fühlen. Und wir haben uns als Familie.

Du kennst die USA bereits sehr gut, da Du dort ein High-School Year verbracht hast. Hat dies Dir die Entscheidung leichter gemacht, Euer Leben und Euren Alltag in Deutschland für eine Weile hinter Euch zu lassen? Oder wärst Du lieber in ein anderes Land gezogen, wenn es auch diese Möglichkeit gegeben hätte?

Wir wollten immer gern in die USA. Gerade mit Kindern war uns ein westlicher Standard wichtig. Brasilien zum Beispiel wäre vielleicht auch möglich gewesen. Aber ich weiß, dass wir dort in einem umzäunten Viertel gewohnt hätten. Einfach mal auf den Spielplatz zu gehen wäre auch nicht möglich gewesen. Insbesondere mit den Kindern hätte ich mich dort, glaube ich, zu unfrei und vielleicht auch nicht sicher gefühlt.

Wie hat das Alter Eurer Kinder Eure Entscheidung beeinflusst, zu gehen oder in Deutschland zu bleiben?

Wir wollten eigentlich immer gehen, bevor die Ältere in die Schule kommt. Jetzt wird sie aber hier eingeschult. Ich weiß aber nicht, ob wir nach ihrer Einschulung noch gegangen wären, da ich denke, dass es für die Kinder immer schwerer wird, sich von ihren Freunden zu trennen. Aber wir kennen hier jetzt viele deutsche Familien mit Kindern unterschiedlichsten Alters. Es gibt hier sogar eine internationale Schule, die nach bayerischem Schulsystem unterrichtet. Inzwischen würde ich eine solche Entscheidung vielleicht sogar weniger vom Alter abhängig machen, da man jetzt vor Ort die Möglichkeiten sieht.

Was meinst Du, wie es Euch als Familie langfristig verändert, dass ihr gemeinsam in einem anderen Land gelebt habt?

In jedem Fall wird es uns als eine ganz besondere gemeinsame Zeit in Erinnerung bleiben und ich glaube, dass es den Kindern, auch wenn sie noch recht jung sind, hilft, die Augen für den Blick über den Tellerrand hinaus zu öffnen.

Wie gehst du mit Zweifeln um, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist?

Noch kamen keine Zweifel auf. Ich habe mir im Voraus viele Gedanken dazu gemacht, ob es wohl der richtige Weg ist. Wenn ich einmal eine Entscheidung getroffen habe, zweifele ich selten daran, sondern versuche, mir in schwierigen Zeiten bewusst zu machen, warum ich die Entscheidung getroffen habe und mache dann das Beste daraus.

Wie erlebst Du in den USA die Debatten über Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dem Zuhause bleiben mit kleinen Kindern, Wiedereinstieg oder Gleichberechtigung im Beruf, Politik und Gesellschaft?

Viele Frauen müssen wenige Wochen nach der Geburt wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, wenn sie ihren Job behalten wollen. Ich habe das Gefühl, dass die Frauen hier aber darauf eingestellt sind, dass das eben so ist. Nach allem, was ich bisher mitbekommen habe, gibt es für die Frauen aber oft viel Unterstützung aus der Familie für die Betreuung der Kinder. Zudem gibt es viele Nannies und das Betreuungsangebot ist auch gut.

Haben Männer und Frauen in den USA Deines Erlebens nach stärker oder weniger stark als in Deutschland die gleichen Chancen, beruflich erfolgreich zu sein und woran liegt das?

Vielleicht haben Frauen eher bessere Chancen als in Deutschland, da sie schneller wieder in den Job einsteigen und nur wenige Wochen ausfallen. Ob das natürlich für die Entwicklung der Kinder vorteilhaft ist, ist eine andere Frage.

Hat sich aus dem Ausland Dein Blick auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Deutschland verändert? Was läuft Deiner Ansicht nach in Deutschland hinsichtlich gleicher beruflicher Chancen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr gut? Welche guten Rahmenbedingungen nehmen wir in Deutschland vielleicht als selbstverständlich wahr, auch wenn sie dies im Vergleich mit anderen Ländern vielleicht nicht sind?

Ich bin noch nicht lang genug hier, um viel dazu sagen zu können. Im Vergleich zu den USA können wir aber froh sein, die Möglichkeit zu haben, drei Jahre in Elternzeit gehen zu können und zumindest ein Jahr davon einen Teil unseres Gehalts dafür zu bekommen. Und Mutterschutz vor und nach der Geburt zu haben. Wenn man das hier jemandem erzählt, finden sie das alle wunderbar und wünschten sich, diese Möglichkeit zu haben.

Was vermisst Du aus Eurem Alltag in Deutschland? 

Natürlich vor allem Familie und Freunde. Und aus dem Alltag insbesondere die kürzeren Wege von A nach B, dass man vieles zu Fuß erledigen kann und zum Teil das Essen.

Was ist für Euch als Familie ein Gewinn in Eurem neuen Alltag?

Viel mehr Kontakte über die Kinderbetreuung zu anderen Familien. Natürlich noch nicht so gefestigt wie in Deutschland, aber dass viele Expat-Familien hier sind, schweißt zusammen und die Offenheit der Leute ist schön.

Welches ist die größte Herausforderung in deinem Leben und wie meisterst du sie?

Herauszufinden, was man selbst wirklich will und welchen Erwartungen, die einem in Familie, Beruf, Freundeskreis und Gesellschaft entgegengebracht werden, man entsprechen kann, will oder eben auch nicht will. Mir hilft dabei, ehrlich mit sich und anderen zu sein und zuzugeben, dass man nicht immer allen Ansprüchen gerecht werden kann und sich seine eigenen Ziele zu setzen.

Wenn du eine ungeliebte Aufgabe aus deinem Alltag an jemand anderes delegieren könntest – welche wäre das?

Putzen. Aber das habe ich inzwischen delegiert. :)

Und was ist dein schönster Moment in der Woche?

Am Samstagmorgen aufzuwachen, wenn unsere Kinder zu uns ins Bett gekrochen kommen und zu wissen, dass das ganze Wochenende vor uns liegt. Egal was wir tun, ob wir Erledigungen machen müssen oder einen Ausflug vorhaben – wir als Familie haben Zeit zusammen und das ist das Schönste.

Was wäre Dein Wunsch, wie es in den USA und nach Eurer Rückkehr nach Deutschland beruflich jeweils für Dich weitergeht?

In den USA möchte ich eine Aufgabe haben, die vielleicht auch mal etwas ganz anderes ist, als das, was ich in meinem eigentlichen Job mache. In Deutschland würde ich gern wieder in Teilzeit in meinen Job einsteigen. Den halben Tag im Büro und den anderen halben Tag mit den Kindern zu Hause – das ist für mich die perfekte Mischung.

Foto: Stephan Becker

lea

lea

Lea arbeitet als Projektmanagerin im Politikbereich in Berlin. Mit „Female Perspectives“ rückt jetzt gleichzeitig das Schreiben wieder mehr in den Mittelpunkt. Das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ hat für Lea seit der Geburt ihres ersten Kindes im letzten Jahr und ihrer Elternzeit noch mal einen ganz neuen Blickwinkel aus eigener Erfahrung bekommen.

1 Kommentar

Leave a Comment