Zum ersten Mal: Hebamme – J., Studentin

Hebamme Interview

J. , Ende 20, Hebammenstudentin seit 2014

Wo arbeitest du und was machst du?

Ich arbeite in Norddeutschland an einer Klinik mit circa 3000 Geburten pro Jahr. Dort werde ich in der Geburtshilfe und in der Wochenbettbetreuung ausgebildet. Die duale Ausbildung verläuft in Blöcken aus Uni, Praxis und Schule.

Seit wann bist du heute auf den Beinen?

Seit halb sieben.

Gibt es ein festes Ritual, mit dem du in deinen Tag startest?

Nein, meistens muss ich mich sehr beeilen, um pünktlich zu kommen, besonders in der Frühschicht. Meinen Weg zur Arbeit jedoch liebe ich sehr und fahre ihn zu 99,9 Prozent mit dem Rad. Das ist mein Wachwerdritual.

Welche Bedeutung hat Arbeit in deinem Leben?

Mein Beruf durchdringt alles. Es gibt nichts, das mich gleichzeitig so fasziniert und beängstigt. Oft bin ich von anderen Themen schnell gelangweilt, was ich nicht immer gut finde.

Wann war für dich klar, dass du als Hebamme arbeiten möchtest? Gab es einen konkreten Auslöser?

Ich habe mich in meinem Erststudium kulturtheoretisch mit Schwangeren und Wöchnerinnen auseinandergesetzt. Dabei musste ich schockiert feststellen, dass sich die meisten Denkansätze von Frauen über ihre Körper seit 150 Jahren kaum verändert haben. Die mir so normal scheinende Faszination und Begeisterung für den weiblichen Körper und unsere Macht in der Fortpflanzung scheint vielen Frauen sehr fremd. Ich hoffe, mit meiner Arbeit neue Ansätze schaffen zu können.

Was macht für dich den Reiz der Arbeit als Hebamme aus?

Ich liebe es, mit Frauen zusammenzuarbeiten, die Verantwortung übernehmen und über ihre Grenzen hinaus wachsen.

War die Ausbildung bzw. der Berufsstart so, wie du es erwartet hast, oder gab es Überraschungen oder gar Momente, in denen du am liebsten alles hingeschmissen hättest?

Ich habe mich vor Ausbildungsbeginn immer sehr darüber geärgert, dass Hebammen nicht mit Ärztinnen auf Augenhöhe behandelt werden. Leider empfinde ich es immer mehr als gerechtfertigt, denn das Niveau der Ausbildung bleibt weit hinter dem zurück, was ich erwartet hatte. Andererseits ist genau das einer der vielen Gründe, weiterzumachen und auch meine kritischen Klassenkameradinnen für das Studium zu begeistern. Ich erhoffe mir auf weite Sicht durch das Studium eine Gleichstellung der Berufsstände. Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen ich alles hinschmeißen möchte. Ehrlich gesagt, ziemlich oft. Nicht nur meine Ausbildung entspricht nicht meinen Erwartungen, auch die Frauen und ihre Ansprüche machen mich ziemlich oft sehr traurig. Kaum eine Schwangere scheint sich auf die Geburt zu freuen. Wie kann man sich dieses Erlebnis nur nehmen lassen?

Was glaubst du, woran das liegt? Sind es die Medien, vor allem Filme und Serien, in denen Frauen unter der Entbindung als „schreiende Furien“ dargestellt werden? Oder sind es die Frauen untereinander, die sich Angst machen? Ich erinnere mich, dass ich während meiner Schwangerschaft immer wieder den Satz gehört habe, dass Entbindungsschmerzen die schlimmsten Schmerzen seien, die man je erleiden musste. Das verursacht schon ein mulmiges Gefühl. Trotzdem habe ich mich auf die Geburt gefreut. Erlebst du das anders? Und wie versuchst du, die Frauen positiv zu stimmen?

Das ist wohl eine Mischung aus beidem. Es scheint auch oft wie ein Wettkampf unter den Frauen zu sein, wer die schlimmste Geburt überstanden hätte. Da steh ich dann tatsächlich fassungslos daneben. Ich will die Frauen ja in ihrem Stolz bestärken, aber gleichzeitig möchte ich sie wachrütteln. Es geht doch nicht darum, da irgendwie durchzukommen! Eine Geburt kommt nicht über die Frauen, wie die große Bestrafung für den Sündenfall. Entbindungsschmerzen sind tatsächlich sehr besondere Schmerzen: Es sind Werdeschmerzen. In Wehen zerreißt nichts. Nichts geht kaputt. Wir reden im Zusammenhang mit Wehen oft von dem Angst-Spannung-Schmerz-Kreislauf, nach dem hauptsächlich der Kopf die Schmerzen macht. Deswegen ist meine Strategie, die Frauen zu entspannen. Das gemeinsame Atmen schafft eine tiefe Verbindung zum Körper, in der die Frauen spüren, dass sie die Kontrolle haben. Viel Bewegung dient auch dazu, den Frauen ihre Autonomie bewusst zu machen. Eine Freundin von mir hat während der Geburt einen Kuchen gebacken! Ablenken ist oft der einfachste Weg. Das ist in einem reizarmen Kreißsaal jedoch schwierig. Da konzentriert man sich ja automatisch nur auf die Schmerzen, immerhin sind sie in der Klinik neben den CTG-Kontrollen meistens das einzige, was das Warten auf die tatsächliche Geburt zeitlich gliedert. Vielleicht bleiben sie genau deswegen so präsent in den Köpfen von Klinikgebärenden? Außerklinische Geburtsgeschichten sind definitiv anders geprägt.

Wie motivierst du dich an Tagen, an denen du am liebsten im Bett liegen bleiben möchtest?

Meistens macht das mein Mann, er tanzt dann Motivationstänze. Tatsächlich war ich im Frühling in Japan und habe eine Ikone der Geburtshilfe besucht. Der Gynäkologe Dr. Tadashi Yoshimura ist mittlerweile über 80 und hat schon Ina May Gaskin motiviert. Seine ermutigenden Blicke tragen mich noch oft.

Die Rahmenbedingungen für freiberuflich tätige Hebamme verschlechtern sich zusehends – immer mehr Hebammen steigen aus der Geburtshilfe aus, weil sie sich die Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten können. Im Juli 2016 läuft dann auch die Gruppenhaftpflichtversicherung des Deutschen Hebammenverbandes aus. Hat dich das nie abgeschreckt? Wie siehst du deine beruflichen Perspektiven unter diesen Bedingungen?

Natürlich schreckt mich das ab! Ich bin ziemlich froh, noch in der Ausbildung zu sein, und hoffe, dass sich das bis zu meinem Examen irgendwie regelt. Ich kann es mir partout nicht vorstellen, dass die Menschen in Deutschland tatsächlich bereit sind, auf Hebammen zu verzichten. Nichtsdestotrotz ist die Versicherungsproblematik ein wichtiges Argument für die Akademisierung. Nur mit dem Bachelor kann ich im europäischen Ausland arbeiten und auch innerhalb der BRD mein Arbeitsfeld erweitern.

Was bereitet dir die größten Sorgen angesichts dieser Entwicklung? Für dich, aber auch für werdende Mütter?

Die Gewalt in der Geburt durch unnötige Interventionen bis hin zum Kaiserschnitt wird zunehmen. Das hat enorme Folgen für die Mütter, für die Familien, für die Demografie, für das Gesundheitssystem. Ich finde es unfassbar, wie viele Probleme da gerade in den Kreißsälen verursacht werden. Ich hoffe, dass viele Mütter dieses ewige „Ihrem Kind zuliebe“ hinterfragen und sich mehr trauen, sich und ihr Kind zu beschützen. Warum klagen so wenige Mütter wegen unnötiger Saugglockengeburten? Darin sehe ich tatsächlich meine größte Aufgabe: als Anwältin neben der Frau zu stehen und die Notwendigkeit von Interventionen immer zu hinterfragen.

Welche Forderung hast du an die Politik? Und welche Rolle kommt Frauen selbst zu, um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen rund um die Geburt zu erreichen?

Die Privatisierung der Kliniken muss neu beleuchtet werden. Menschenrechte dürfen nicht an der Kreißsaaltür enden. Frauen, lasst euch nicht so verängstigen! Freut euch auf die Geburt! Freut euch über dieses Wunder, das euer Körper kann. Schenkt Leben mit voller Kraft und all eurer Lust, Ihr seid die Macht!

Wie gehst du mit Zweifeln um, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist?

Ich suche nach Mitstreiterinnen, nach Vorbildern.

Welches ist die größte Herausforderung in deinem Leben und wie meisterst du sie?

Ich fühle mich an drei von vier Tagen, als ob ich gegen Windmühlen kämpfe und verliere gelegentlich den Mut. Wie ich das meistere? Hoffen, hoffen, hoffen.

Gibt es Frauen, die dich auf deinem Weg besonders inspiriert haben?

Meine Mutter, unsere Hebamme, Ina May Gaskin. Der Feminismus an sich.

Und welche Männer haben dich inspiriert?

Dr. Tadashi Yoshimura und Dr. med. Wolf Lütje.

Der Hebammenberuf ist eine Frauendomäne. Ich habe gelesen, dass es gerade einmal einen männlichen Entbindungspfleger in Deutschland gibt, der zudem von seinen Kolleginnen mindestens kritisch beäugt wird. Woher kommt diese Ablehnung? Würdest du dir mehr Männer in deinem Beruf wünschen?

Es gibt mittlerweile mehr als einen Entbindungspfleger, die Zahlen schwanken zwischen drei und fünf. Viele Hebammen scheinen den Schwangeren und Gebärenden nicht zu glauben, dass sie sich auch von einem Mann begleiten lassen würden. Ich verstehe diese Ablehnung nicht und würde mit tatsächlich mehr Männer wünschen. Ich denke, das täte unserem Berufsstand sowohl in der Fremdwahrnehmung als auch in der Selbstreflexion ganz gut.

„Erfolg“ ist eine Kategorie, die im Zusammenhang mit der Arbeit als Hebamme eher zweitrangig wirkt. Oft wird diese Tätigkeit eher mit vermeintlich „weichen“ Faktoren wie „Erfüllung“ oder „Berufung“ assoziiert. Spielt Erfolg dennoch eine Rolle in deinem Leben? Und wenn ja, wie definierst du Erfolg für dich?

Geld ist natürlich ein Faktor, der auch unsere Karriereplanung beeinflusst. Erfüllung und Berufung erleben wir ja automatisch. Trotzdem muss man seinem Stolz auch Futter geben. Erfolg ist Anerkennung und Bestätigung, finanziell und ideologisch sollte meine Arbeit mir den Rücken stärken.

Und wie lautet dein Erfolgsrezept?

Rücken gerade und ein kräftiger Händedruck.

Welche Rolle spielt dein berufliches und persönliches Umfeld für das, was du tust?

Eine große. Ich mag es, meinen Platz im Kreißsaal zu haben und von den Kolleginnen respektvoll behandelt zu werden. Ich mag den Stolz meiner Familie und meiner Freunde. Ich liebe es, einer uralten und ganz besonderen Gemeinschaft von Frauen anzugehören, die wie nichts anderes für das Leben stehen.

Wenn du eine ungeliebte Aufgabe aus deinem Alltag an jemand anderes delegieren könntest – welche wäre das?

Geburten künstlich vorantreiben, obwohl ich keine Notwendigkeit dafür erkennen kann.

Was ist dein Lieblingsmoment am Tag?

Wenn ich mir bewusstmache, wie viele neue Ohren heute zum ersten Mal die Vögel hören.

Wenn du dich ein Jahr nicht um ein Einkommen kümmern müsstest: was würdest du tun?

Mich bilden und vernetzen. Meine Herzensthemen „Interventionskaskaden in der klinischen Geburtshilfe“, „Mortalitätsraten von Geburten mit einer Austreibungsperiode von mehr als zwei Stunden“ „Nicht-medikamentöses Wehenschmerzmanagement“ und viele mehr brauchen mehr Zahlen für Deutschland. Der aktuelle Schiedsspruch des GKV zeigt die Notwendigkeit dieser Studien. Immerhin gilt im UK bereits offiziell die Empfehlung, dass das außerklinische Setting sicherer für die physiologische Geburt ist. Die Anerkennung dieser Sicherheit ist auf lange Sicht mein persönliches Ziel. Und möglichst viele Geburten erleben, die genossen werden.

Alternativ: faulenzen ohne Ende.

katja

katja

Katja arbeitet als freie Texterin in Berlin. Sie bloggt, schreibt und lektoriert für Berliner Start-ups ebenso wie für internationale Auftraggeber. Seit der Geburt ihrer Tochter 2014 beschäftigt sie sich intensiv mit den Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Lebensfreundliche Arbeitsmodelle". Ihr zweites Herzensprojekt neben Female Perspectives: juggleHUB - ein Coworking & Event Space mit flexibler Kinderbetreuung, den sie momentan zusammen mit einer Mitgründerin aufbaut.

1 Kommentar

  • Lisa
    20. November 2015 um 6:20

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich hoffe das J. ihre Motivation für ihren Beruf behält und vielen Frauen während selbstbestimmten Geburt begleiten kann, vielleicht ist sie für die außerklinische Geburt gemacht? Man kann nur hoffen, dass Deutschland nicht zu blöd ist, die Hebammen jetzt zu unterstüzen und zu gewahr leisten, dass sie vernünftig arbeiten können. Ohne Hebammen ist man während Geburt und Wochenbett sehr alleine und den Ârzten ausgeliefert.

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