Zum ersten Mal: Zurück aus der Elternzeit – Nancy, Architektin

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Nancy, 33, Architektin und Mutter eines Sohnes (1 Jahr, 3 Monate)

 

Seit wann bist du zurück aus der Elternzeit und wie fühlt es sich aktuell an?

Ich bin zurück seit Juli. Aktuell fühlt es sich an wie Alltag, jedoch bin ich immer ein bisschen unter Strom.

Wie lange warst du in Elternzeit?

Für elf Monate.

Was hast du vorher beruflich gemacht?

Ich habe als Architektin in einer kleinen Firma in Berlin gearbeitet und dort Bauprojekte begleitet.

Wie war die Reaktion bei deinem Arbeitgeber, als du von deiner Schwangerschaft erzählt hast?

Meine Arbeitgeber – ein Mann und eine Frau – haben positiv reagiert. Ihnen war eher das Praktische wichtig, also wie lange ich weg sein würde und ob ich gegebenenfalls während der Elternzeit im Home Office arbeiten würde.

War für dich von Anfang an klar, elf Monate zu Hause zu bleiben oder hast du überlegt, früher wieder in deinen Job zurück zu kehren? Bzw. hättest du dir eine andere Aufteilung zwischen dir und deinem Partner gewünscht?

Vor der Elternzeit dachte ich, mir würden auch acht Monate reichen. Als mein Sohn dann auf der Welt war, änderte sich das aber sehr schnell. Letztendlich hätte ich gern mehr Zeit gehabt. Mein Mann hatte drei Monate Elternzeit. Den letzten Monat, bevor ich wieder arbeiten gegangen bin, haben wir zusammen genommen. Im Nachhinein hätte ich einen gemeinsamen Monat nach der Geburt auch wichtig gefunden.

Gab es Rahmenbedingungen – etwa die Art des Beschäftigungsverhältnisses, die Unternehmenskultur, Bezahlung, Arbeitszeiten, Flexibilität – sowohl bei dir als auch bei deinem Partner, die eure Entscheidung beeinflusst haben?

Definitiv. Da mein Mann zum Zeitpunkt der Geburt unseres Sohnes erheblich mehr verdient hat als ich, haben wir uns dagegen entschieden, dass er länger Elternzeit nimmt. Es war also eine Entscheidung rein aus finanziellen Gründen.

Du sagst, du hättest gern länger Elternzeit genommen. Was hat dich daran gehindert?

Auch hier waren es finanzielle Gründe.

Hast du das Gefühl, die Rahmenbedingungen für Eltern in Deutschland sind so, dass sie ermutigt werden, sich eine längere Auszeit für ihre Kinder zu nehmen? Was hättest du dir ggf. anders gewünscht, etwa an staatlicher Unterstützung?

Ich denke, die Rahmenbedingungen für „Neu-Eltern“ sind sehr gut in Deutschland. Klar wünsche ich mir mehr finanzielle Unterstützung, aber das sehe ich doch als unrealistisch und auch ein wenig vermessen und undankbar an. Mag sein, dass die Bedingungen in anderen Ländern wie zum Beispiel Schweden noch besser sind. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir in Deutschland in Sachen Elternunterstützung sehr fortschrittlich sind. In der Schweiz gibt es zum Beispiel weder Elternzeit noch Elterngeld.

Wie fühlte es sich für dich an, elf Monate weg zu sein aus dem Unternehmen? Hattest du jemals Befürchtungen, den Anschluss zu verlieren? Bzw. hast du in dieser Zeit aktiv den Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten gepflegt?

Als klar war, dass ich fast ein Jahr weg sein würde, hatte ich schon Angst, etwas zu verpassen und ersetzbar zu sein. Auch das Gefühl, meine Kollegen im Stich zu lassen, hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt. Ich habe den Kontakt dann auch über die ganze Dauer der Elternzeit gehalten, war immer mal wieder im Büro und habe E-Mails geschrieben und mich nach Kollegen und Projekten erkundigt. Angst den Anschluss zu verlieren hatte ich jedoch nie.

Hat sich deine Einstellung zur Arbeit im Allgemeinen und zu deiner Tätigkeit im Speziellen während deiner Elternzeit verändert?

Ja. Vor der Geburt meines Sohnes war mir meine Arbeit sehr wichtig. Ich habe viele Überstunden gemacht, ohne das groß in Frage zu stellen. Das ist mittlerweile anders. Die Zeit mit meinem Kind ist mir sehr wichtig. Die Prioritäten haben sich also definitiv verschoben!

Hast Du die Elternzeit auch bewusst für Berufliches genutzt oder hast Du durch die berufliche Pause unerwartet neue Ideen für Deine berufliche Richtung erhalten?

Nein, ich habe lediglich darüber nachgedacht, mich nach der Elternzeit umzuorientieren, jedoch im selben Beruf – nur in einer anderen Firma mit anderen Projekten.

Hast Du die Elternzeit auch für etwas genutzt, was nicht direkt mit Deinem Beruf oder Deinem Baby in Zusammenhang steht, z.B. für ein Projekt, was Du schon länger angehen wolltest?

Nein.

Was hast Du während Deiner Elternzeit aus Deinem Beruf und Deinem beruflichen Alltag vermisst?

Ganz ehrlich: Die kleinen Momente des Tages, in denen ich einfach Zeit für mich hatte, etwa beim S-Bahnfahren oder beim Mittagessen.

Was hast Du durch die Elternzeit eventuell an neuen Fähigkeiten oder Blickwinkeln gewonnen, was Dir nun vielleicht hilft, noch mal ganz anders an Deine Tätigkeit heranzugehen?

Ich habe gelernt, meinen Alltag besser zu organisieren. Nicht nur im Job, sondern auch darüber hinaus. Und ich nehme den Job nicht mehr so bierernst. Ich mache ihn sehr gern und habe einen hohen Anspruch an mich und meine Arbeit. Aber sie ist eben nicht der Nabel der Welt.

Wie gestaltet sich deine Situation und die deines Partners nach der Elternzeit – arbeitet ihr im selben Job? Auf derselben Position? Die gleiche Stundenzahl?

Wir arbeiten beide noch Vollzeit im selben Job. Seit November bin ich nun aber tatsächlich in einer neuen Firma als Architektin tätig. Ich freue mich auf die Herausforderung.

Wie hast du deine Rückkehr an deinen Arbeitsplatz empfunden? Gab es Vorbehalte auf Seiten von Kollegen oder Vorgesetzten oder fühltest Du Dich willkommen?

Im alten Büro gab es den einen oder anderen Kommentar. Ein Kollege hat bezweifelt, dass ich Kind und eine 40-Stunden-Woche unter einen Hut bekomme. Das hat mich im Nachhinein ein wenig geärgert. Auch meine Chefs rieten mir zur Teilzeit. Sie haben beide Kinder und meinten, es wäre in den ersten drei Jahren zu schwer, Vollzeit zu arbeiten neben dem Kind. Auch hatten sie Bedenken wegen krankheitsbedingter Fehltage, die sich mit Kind vermutlich häufen würden. Letzteres hat sich auch bewahrheitet. Angesichts dieser deutlich geäußerten Vorbehalte fühlte ich mich von meinen Vorgesetzten nicht so richtig willkommen nach der Elternzeit. Von meinen Kollegen dagegen schon.

Wie familienfreundlich schätzt du die Branche ein, in der du arbeitest?

Überhaupt nicht familienfreundlich. Es wird erwartet, dass man unentgeltlich viele Überstunden leistet und sehr flexibel ist. Jederzeit verfügbar quasi.

Hast du das Gefühl, Familie und Beruf so vereinen zu können, wie du es dir wünschen würdest?

Aufgrund der flexiblen Arbeitszeiteinteilung, die mir meine Vorgesetzten ermöglichen, habe ich definitiv das Gefühl, dass Familie und Beruf vereinbar sind. Aber verbesserungswürdig ist tatsächlich die Anzahl der Arbeitsstunden. In der neuen Firma bekomme ich mehr Gehalt als bei meinem alten Arbeitgeber. Die kommenden Monate wird sich zeigen, ob es sinnvoll für mich ist, vielleicht doch mit den Stunden runterzugehen. Es würde einiges an Stress aus dem Alltag nehmen.

Wo soll es beruflich hingehen? Bietet dir dein jetziges Beschäftigungsverhältnis eine Perspektive für die Zukunft, nicht nur finanziell, sondern auch in puncto Selbstverwirklichung?

Ich fühle mich in meinem Job sehr wohl, auch in puncto Selbstverwirklichung. Mit der Suche nach einem neuen Arbeitgeber und neuen Projekten habe ich selbst für neue Rahmenbedingungen gesorgt. Mein Gehalt ist nun erheblich höher als vorher. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten, auch privat Freiräume zu schaffen.

Wie ist dein Kind betreut? Hast du problemlos einen Betreuungsplatz gefunden?

Ja, ich habe ohne Probleme einen KiTa-Platz für meinen Sohn gefunden. Er ist jeden Tag um die 7,5 Stunden in der Betreuung.

Ist die Betreuung so, wie du sie dir wünschen würdest, oder musstest du Abstriche machen?

Ich würde ihn gern nur sechs Stunden in der KiTa betreuen lassen. Da mein Mann und ich aber Vollzeit arbeiten, ist es derzeit nicht möglich.

Was ist momentan die größte Herausforderung für dich?

Ganz klar: mein neuer Job. Und der Haushalt – der bleibt regelmäßig auf der Strecke.

Wenn du eine Aufgabe aus deinem Alltag delegieren könntest – was wäre das?

Haushalt. Punkt :)

Was ist dein Lieblingsmoment in der Woche?

An den Wochenenden Zeit mit meinem Sohn und meinem Mann zu verbringen. Momentan gehen wir gern zusammen schwimmen.

Wenn du dich ein Jahr nicht um ein Einkommen kümmern müsstest: was würdest du tun?

Ich würde zu Haus bleiben, meinen Hobbys nachgehen, mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen und endlich wieder Sport treiben.

katja

katja

Katja arbeitet als freie Texterin in Berlin. Sie bloggt, schreibt und lektoriert für Berliner Start-ups ebenso wie für internationale Auftraggeber. Seit der Geburt ihrer Tochter 2014 beschäftigt sie sich intensiv mit den Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Lebensfreundliche Arbeitsmodelle". Ihr zweites Herzensprojekt neben Female Perspectives: juggleHUB - ein Coworking & Event Space mit flexibler Kinderbetreuung, den sie momentan zusammen mit einer Mitgründerin aufbaut.

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