Zur Sache (,) Baby: Elternzeit – zwischen Unplanbarkeit, zu vielen Ideen und Vorfreude

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Liebe Katja,

jetzt war er tatsächlich da, der letzte Arbeitstag vor dem Mutterschutz. Was für ein seltsames Gefühl: die letzten Emails zu schreiben, die To Do-Liste final abzuarbeiten, die längerfristigen Prozesse zu übergeben und schließlich wirklich den Computer auszuschalten mit dem Wissen, dass ich voraussichtlich erst in anderthalb Jahren (nach Resturlaub, Mutterschutz und Elternzeit) wieder ins Büro zurückkehre.

 

Anderthalb Jahre. Was für ein langer Zeitraum. Ein bisschen mulmig wurde mir da schon. Insofern kam Dein Brief gerade richtig – als Ermutigung, als Ausblick auf das, was mich erwartet. Es war interessant, von Deinen Erfahrungen zu lesen – vor allem hinsichtlich der Lernkurve, von der Du schreibst. Ích bin sehr gespannt. Ein bisschen fühle ich mich wie vor einer langen Reise. Ich weiß, dass viele neue Eindrücke und Erfahrungen auf mich warten, die mich verändern werden – ich weiß aber eben heute noch nicht, wer und wie ich am Ende dieser Reise sein werde.

 

Ich freue mich auf die Elternzeit als Phase, in der wohl unglaublich viel Neues auf mich zukommt – vor allem natürlich, weil ich Mutter werde. Aber auch weil ich hoffe, dass auch ich Zeit für einige Projekte haben werde, die mir schon länger durch den Kopf gehen. Bloggen, vielleicht ein Dänisch-Kurs? Die Sprache wollte ich schon lange gerne lernen. Eine Weiterbildung, ein Fernstudium und Fotografieren wollte ich doch auch endlich mehr… Und klar, die vierwöchige Fernreise während mein Mann und ich beide Elternzeit haben (schon fast ein Klassiker). – Ja, ja. Ich hör schon auf. Kugelst Du Dich schon vor Lachen? Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass mir alle sagen, die schon ein Kind haben, dass man plötzlich mit einem Baby zu nichts mehr kommt. Duschen sei an manchen Tagen schon eine logistische Höchstleistung.

Während ich mir das momentan einfach schlicht nicht vorstellen kann (ganz naiv geht mir durch den Kopf: schläft ein Baby nicht total viel?), weiß ich gleichzeitig natürlich, dass die Warnungen auf den tatsächlich gemachten Erfahrungen basieren. In diesen Momenten versuche ich, die Erwartungen an mich selbst nicht zu hoch zu setzen – und das ist manchmal gar nicht so leicht vor dem Hintergrund der zahlreichen Erfolgsgeschichten von Müttern, die in der Elternzeit „sich selbst neu erfunden“, ein Unternehmen gegründet, ein Buch geschrieben oder doch mindestens eine Weiterbildung zum Coach, wenn nicht ein Fernstudium durchgezogen haben.

So beeindruckend und spannend ich diese Geschichten finde, so sehr können sie auch unter Druck setzen. Druck, die Elternzeit auch ja gut zu nutzen, keine Zeit zu verschwenden, auch diese Phase im Leben möglichst „produktiv“ zu nutzen. Der Fokus ist also mal wieder auf Leistung und Lebenslauf gerichtet. Und unmerklich misst man sich dann vielleicht selbst an diesen beeindruckenden Erfolgsgeschichten. Bitte eine Supermutter sein, ganz tiefenentspannt und gleichzeitig  die Elternzeit aktiv für Unternehmensgründung, Fernstudium oder dergleichen nutzen. Klingt wie die Quadratur des Kreises. Ich möchte nicht enttäuscht sein, wenn ich in einem halben Jahr feststelle, dass ich es nicht schaffe, mich den ganzen Tag um mein Baby zu kümmern und parallel noch einen MBA zu machen.

 

Gleichzeitig sehe ich bei Dir und vielen anderen Müttern, dass in dem ganzen Zeitfenster Elternzeit über die Monate doch Raum für die ein oder andere schon lange gehegte Idee ist. Gerade für Projekte, die nicht unbedingt mit dem eigentlichen Job zu tun haben und die manchmal in ganz neue, unerwartete berufliche Richtungen führen. Nicht zuletzt wenn sich so viel verändert wie mit dem ersten Kind und sich vielleicht auch Prioritäten und Ziele noch mal neu sortieren. Du schreibst von der Möglichkeit, sich „in der Zeit ganz anderen Dingen zu widmen, etwas Neues zu probieren oder zu lernen“ und „neue Seiten und Fähigkeiten“ an sich zu entdecken. Auf jeden Fall ein guter Ausblick.

Alles Liebe,

Lea

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lea

Lea arbeitet als Projektmanagerin im Politikbereich in Berlin. Mit „Female Perspectives“ rückt jetzt gleichzeitig das Schreiben wieder mehr in den Mittelpunkt. Das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ hat für Lea seit der Geburt ihres ersten Kindes im letzten Jahr und ihrer Elternzeit noch mal einen ganz neuen Blickwinkel aus eigener Erfahrung bekommen.

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