Zur Sache (,) Baby: Sex und Chef, Grenzerfahrung Elternzeit und lernen fürs Leben

Vereinbarkeit Familie und Beruf

Liebe Lea,

das erste Mal schwanger – wie aufregend! Auch wenn es bei mir nun schon zwei Jahre her ist, dass ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, kann ich mich noch genau an das Gefühl erinnern, das ich nicht nur in dem Moment hatte, sondern auch in den Wochen danach. Es ist ein bisschen, als schwebe man in einer Blase durch die Welt. Als ob von jetzt auf gleich alles anders ist. Selbst im Supermarkt an der Kasse zu stehen, fühlt sich auf einmal anders an, weil man mit dem Wissen an der Kasse steht, dass da ein Kind in einem heranwächst. Jetzt gerade! Unglaublich. Ging oder geht es Dir auch so?

Körperlich zwickte es zwar hier und da, aber mental fühlte ich mich mit fortschreitender Schwangerschaft stärker als je zuvor, ein Gefühl, das sich weiter steigerte, als meine Tochter auf der Welt war.

Und plötzlich vermischen sich Privates und Berufliches – das fand ich auch stellenweise befremdlich. Wobei die Kollegin, mit der ich mir das Büro teilte, eine der ersten war, der ich es erzählt habe. Wir hatten schon immer ein eher freundschaftliches Verhältnis. Seltsam fand ich es, meinem Chef von der Schwangerschaft zu erzählen. Da ging es mir ähnlich wie Dir: auf einmal kommen da ganz private Sachen auf den Tisch.

Jetzt wirst Du vermutlich gleich lachen, aber weißt Du, was mir vorher durch den Kopf ging? Ich dachte: wenn ich ihm, also meinem Chef, jetzt erzähle, dass ich schwanger bin, weiß der doch, dass ich dann und dann Sex hatte. Das war mir alles viel zu privat. Ich muss selber lachen, während ich das hier aufschreibe. Als ob der da sitzt und nachrechnet! Oh Mann…Aber ich habe Privates und Berufliches eben immer recht konsequent getrennt, zumal bei meinem Chef. Wir hatten auch nie diese private Ebene, was gut war. Bis zum Tag des „Ich-hatte-am 3.1.-um-16:47-Uhr- Geschlechtsverkehr-und-bin-jetzt-schwanger“-Gesprächs 😉

 

Ich habe mich dann recht schnell dafür entschieden, eineinhalb Jahre in Elternzeit zu gehen. Das war eine reine Bauchentscheidung. Ein Jahr fühlte sich zu kurz an, zwei zu lang. Klar, kann man vorher nie wissen, wie es letztendlich sein wird und ob man nicht früher wieder arbeiten will oder längere Zeit zu Hause mit dem Kind verbringen möchte. Für mich hat sich diese Frage allerdings nie gestellt, da ich wusste, dass ich mich während der Elternzeit mit Projekten abseits meines Jobs beschäftigen will. Ich konnte mir nie vorstellen, mich ausschließlich der Kinderbetreuung zu widmen. Gleichzeitig war es für mich keine Option, schon nach einem Jahr wieder in meinen Job als PR-Referentin zurückzukehren. Ich habe mich schon vorher lange mit dem Gedanken getragen, mal etwas anderes auszuprobieren, Dinge, für die ich während meiner 40-Stunden-Woche nie die Zeit gefunden habe. Einen Blog aufbauen zum Beispiel (check).

 

Das ist aber eine individuelle Entscheidung und hat auch viel mit der (finanziellen) Situation zu tun, in der man sich als Paar befindet. Erst recht, wenn man mit dem neuen Projekt erst dann loslegen kann, wenn das Kind in der Kita ist und die Elterngeldquelle versiegt, wie in meinem Fall. Vorher war an produktive Arbeit leider kaum zu denken. Und ja, ich habe oft darunter gelitten. Wie Du schreibst: „Wenn sich morgens die Wohnungstür hinter meinem Partner schließt“… – da war ich nicht selten wütend und frustriert: Warum kann er seiner Arbeit ganz normal nachgehen und trotzdem Papa sein? So zu denken, war sicher nicht immer gerecht. Schließlich haben wir uns bewusst für dieses Modell entschieden. Aber in dem Moment habe ich so empfunden.

 

Wenn Du mit dem Gedanken spielst, zeitnah wieder in Deinem Beruf zu arbeiten, kommt es auch darauf an, ob grundsätzlich die Möglichkeit besteht, während der Elternzeit wieder einzusteigen. Bis zu 30 Stunden darfst Du arbeiten, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Insofern kannst Du Dich auch noch entscheiden, wenn das Kind auf der Welt ist. Vielleicht ist das ein guter Weg für Dich: einen Zeitraum abstecken, der sich gut anfühlt. Lieber etwas länger als zu kurz. Denn falls Du nicht gleich voll wieder einsteigen willst, hast Du – zumindest in kleinen Unternehmen – nur während der Elternzeit einen Anspruch auf Teilzeit. Wenn Du vermutest, dass Du recht schnell wieder zurück in Deinen Job möchtest, macht es Sinn, diese Option zumindest schon einmal mit Deinem/Deiner Vorgesetzten zu besprechen.

 

Und wie gesagt, wieder zu arbeiten muss ja nicht zwangsläufig heißen, dies sofort für Deinen jetzigen Arbeitgeber zu tun. Eventuell wird Deine Stelle zwischenzeitlich befristet besetzt. Das gibt Dir die Möglichkeit, Dich in der Zeit ganz anderen Dingen zu widmen, etwas Neues zu probieren oder zu lernen. Ich persönlich habe das Gefühl, dass meine Entwicklungskurve in der Elternzeit so steil ansteigt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Einerseits ist da meine Tochter, die mich fordert und zwingt, meinen Tag straff durchzuorganisieren und Dinge in relativ kleinen Zeitfenstern zu schaffen. Gleichzeitig lerne ich zu improvisieren, wenn mal wieder alles ganz anders kommt als geplant. Und ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen und zu erkennen, was jetzt wirklich gemacht werden muss und was einfach auch mal warten kann. Das klingt so banal, ist aber tatsächlich gar nicht so leicht. Zu akzeptieren, dass die verfügbare Arbeitszeit mit Kind zwangsläufig geringer ausfällt, und zu erkennen, dass die Welt sich tatsächlich weiterdreht, wenn ich diese E-Mail eben erst übermorgen schreibe oder jenen Artikel erst in zwei Wochen lese, hat etwas Befreiendes. Auch musste ich lernen, Deadlines zu verhandeln und nicht einfach hinzunehmen. Und siehe da: Meistens ist das überhaupt kein Problem. Die Kunden rennen nicht schreiend weg, weil sie den Text erst am Donnerstagnachmittag bekommen und nicht Montagmorgen, wie ursprünglich von ihnen vorgeschlagen. Es sind Kleinigkeiten, aber in der Summe formen sie die Persönlichkeit. Neben der wertvollen Zeit mit meiner Tochter ist das etwas, was ich der Elternzeit hoch anrechne.

 

Insofern: Lass Dich nicht verunsichern, welcher Zeitraum der richtige ist. Setz Dir ein Minimum, halte Dir ein Maximum offen und schau unterwegs, was sich für Dich richtig anfühlt. Die Elternzeit wird Dich verändern, so oder so. Du wirst Dich, Deinen Partner, Dein Umfeld nochmal auf ganz andere Weise kennenlernen. Vielleicht wirst Du neue Seiten und Fähigkeiten an Dir entdecken, die Du vorher nie bewusst wahrgenommen hast. Klingt ziemlich spannend, oder? Ist es auch!

 

Alles Liebe
Katja

katja

katja

Katja arbeitet als freie Texterin in Berlin. Sie bloggt, schreibt und lektoriert für Berliner Start-ups ebenso wie für internationale Auftraggeber. Seit der Geburt ihrer Tochter 2014 beschäftigt sie sich intensiv mit den Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Lebensfreundliche Arbeitsmodelle". Ihr zweites Herzensprojekt neben Female Perspectives: juggleHUB - ein Coworking & Event Space mit flexibler Kinderbetreuung, den sie momentan zusammen mit einer Mitgründerin aufbaut.

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